Matthias Lanzinger
Das aktuelle Interview

Matthias Lanzinger aus Abtenau im Salzburger Land war Junioren-Weltmeister 2000, stand im Dezember 2005 auf dem Siegerehrungs-Treppchen eines Weltcup-Super-G-Rennens, zählte zu den großen Zukunftshoffnungen des Ski-Landes Österreich – als er am 2. März 2008 beim Super-G von Kvitfjell/Norwegen schwer verunglückte (siehe unten). Folge: Amputation des linken Unterschenkels. Heute, rund ein Jahr später, studiert der 28-Jährige BWL, ist im Marketing-Team von Salomon tätig, tritt als Ski-Kommentator im Österreichischen Fernsehen
Herzlichen Glückwunsch – Sie haben diesen Winter Kitzbühel gewonnen! Zwar nicht das Weltcup-Rennen, sondern einen Charity-Team-Riesenslalom, gemeinsam mit Günther Mader und Fritz Strobl. Aber ist es nicht überhaupt ein gewaltiger Sieg, wieder auf den Brettern stehen zu können?
Ist es schon. Die Prothese war am Mittwoch der Hahnenkamm-Woche um 15 Uhr fertig. Ich bin dann gleich in den Baby-Lift und habe probiert, wie es geht. Erstmals seit meinem Unfall wieder auf Ski! Am nächsten Tag bin ich die Streif runtergefahren und am Samstag schließlich fand das Charity-Rennen statt.
Was war das für ein Gefühl, erstmals wieder auf Ski zu stehen?
Dazu muss man wissen: Die Ski und ich haben immer zusammengehört – die waren ein Teil von mir. Da wusste ich stets, was zu tun ist. Und plötzlich, an jenem Mittwoch – war der linke Ski ein Fremdkörper, der von sich aus dies und jenes machte! Aber nach zwei, drei Tagen wurde ich vertrauter und hatte ziemlich schnell ein gutes Gefühl.
Aber logischerweise nicht das einstige Gefühl.
Nein, sicher nicht. Ich komme zwar den Berg ’runter – aber im Kopf habe ich meine ›alten‹ Schwünge. Doch das bereitet mir keine Probleme, denn: Als ich nach dem Unfall munter wurde, war mir klar: »Die Karriere ist vorbei!« Doch ebenso wusste ich: »All die schönen Sachen des Lebens kannst weiterhin machen!« Zum Beispiel mit der Freundin Ski fahren. Ich hatte deshalb – was für manche angesichts der damaligen Situation vielleicht etwas seltsam klingen mag – eine Riesenfreude! Aber ich bin halt grundsätzlich einer, der sich immer die guten Sachen aus den Situationen raus holt.
Welcher war Ihr schönster Skitag dieses Winters?
Als ich vor dem Rennen die Streif ’runter fuhr! Da kamen die ganzen Erinnerungen und Gefühle zurück. Auch wenn ich mit keinem Rennmodell, sondern nur mit einem handelsüblichen Race Carver unterwegs war – war es sooooo schön, Schwünge auf einer Rennpiste zu ziehen! Zugleich wurde mir da erst bewusst, was ein Rennläufer leistet, welch’ mentaler und körperlicher Aufwand da dahinter steckt.
Wieso jetzt erst?
Als Rennläufer besitzt man eine gewisse Körperspannung und nimmt die gesamten Belastungen fast selbstverständlich. Man empfindet das nicht als etwas Besonderes. Aber mit dem Abstand fast eines Jahres und eben der nicht mehr vorhandenen Körperspannung erkannte ich das plötzlich. Aber so geht es vielen Spitzensportlern, die können auch erst später ihre eigenen Leistungen richtig anerkennen – wenn sie nicht mehr den Tunnelblick haben. Ich dachte mir nur: »Wahnsinn, hier ’runter zu fahren!«
Und welcher war Ihr schönster Skitag vor dem Unfall?
Sicher jener Tag, als ich Junioren-Weltmeister wurde! Aber vielleicht auch der Tag des Weltcup-Stockerlplatzes von Beaver Creek. Denn ich stand vorher ständig unter Druck, die Qualifikation fürs Team zu schaffen. Und in dieser Situation die Leistung dann tatsächlich abzurufen und damit fix im Team zu stehen – das war ein Riesenschritt und somit ein Riesentag!
Wer schon in der Jugend Gold holt und Junioren-Weltmeister wird, erweckt den Eindruck, ihm falle alles wie von selbst in den Schoß, er sei ein Günstling der Götter.
Bei mir war das garantiert nicht der Fall. Meine Karriere war so, dass es niemals richtig leicht und wie von selbst ging – ich musste immer für alles kämpfen und immer die kleinen Schritte gehen. Und dieser 3. Platz war plötzlich ein Riesenschritt – einfach wunderschön! Aber dass mir nicht alles so leicht fiel, hatte auch sein Gutes: Wer Niederlagen erleidet, lernt daraus, dass das Leben nicht nur vom Erfolg abhängt, sondern dass es überhaupt ein Privileg ist, im Weltcup mitfahren zu dürfen! Dass man dies bei der in Österreich herrschenden Leistungsdichte nicht als Selbstverständlichkeit betrachten darf! Sondern erst mal in diese Liga kommen muss!
Doch die Öffentlichkeit erkennt diese Leistung kaum an – es zählen nur Siege und Medaillen.
Schon. Dies ist eben das Problem, dass man als Spitzensportler weniger als Mensch, sondern in erster Linie nach dem Erfolg beurteilt wird. Da muss man dann aber wenigstens für sich selbst wissen, dass der Mensch wichtiger als der Sieg ist! Das hat mir auch bei meinem Unfall sehr geholfen, diese Sichtweise: dass der Sport und sein Ruhm eine tolle Sache – aber nicht alles im Leben sind.
Nächsten Winter in Vancouver 2010 könnten Sie großen Ruhm ernten und Goldmedaillengewinner werden – bei den Paralympics, den Olympischen Spielen der Behinderten.
Ich bin am Überlegen. Denn wenn ich das mache, muss ich mein Leben umstrukturieren und wieder Rennläufer werden. Die Paralympics sind keine Jux-und-Tollerei-Veranstaltung – da stehen größtenteils Profis am Start! Die gehen zwar zur Arbeit – aber die restliche Zeit trainieren sie. Das sind hervorragende Skifahrer, die in der zweiten Reihe blieben, den ganz großen Durchbruch nicht schafften, vom Schicksal ereilt wurden – und dies jetzt als ihre zweite Chance verstehen. Und ich weiß eben noch nicht, ob ich das wieder tun will. Ich habe mein ganzes Leben, seit ich 14 bin, nach dem Leistungssport ausgerichtet – mal sehen ... Im Frühsommer treffe ich eine Entscheidung.
Sie arbeiten als TV-Kommentator für das Österreichische Fernsehen. Wie ist es, plötzlich auf der anderen Seite zu stehen?
Zu Beginn war es ein merkwürdiges Gefühl, denn ich kenne ja die ganzen Leute – egal ob Sportler, Medien, Trainer usw. Und man weiß, was die aus ihrer jeweiligen Perspektive erwarten. Und da versucht man eben, dem gerecht zu werden. Ich weiß, was für mentaler Anspannung Sportler ausgesetzt sind. Und ich versuche deshalb, ’rüber zu bringen, dass das erstens keine Roboter sind – und dass sie zweitens die größte Erwartungshaltung an sich selbst haben! Sie richten ihr ganzes Leben danach aus – und der Erfolg ist das Honorar: in Form des Gefühls, alles richtig gemacht zu haben.
Fällt es schwer, den Rennen zuzusehen?
Nein! Ich habe gleich eine Woche nach meinem Unfall das nächste Rennen angesehen, den Weltcup-Riesenslalom von Kranjska Gora. Sicher, wenn es bei einem nicht so läuft, dann denkt man: »Dieser Hang hätte mir gelegen, da hätte ich zuschlagen können!« Aber man denkt dann auch, wenn man so beinharte Abfahrtsrennen wie in Bormio oder bei der WM in Val d’Isère sieht: »Das geht mir jetzt nicht ab ...«
Was empfanden Sie beim Sturz von Daniel Albrecht in Kitzbühel?
Ich war an diesem Tag selbst die Streif abgefahren, stand dort unten – und drehte mich gerade um, als er aufkam und liegen blieb. Er war noch gar nicht richtig zum Stillstand gekommen, da hörte ich bereits die Heli-Rotoren – was ich sehr, sehr lobenswert fand. Im ersten Moment des Anblicks hofft man natürlich, dass es nicht so schlimm ist, dass ihm vielleicht nur die Luft weggeblieben ist oder so. Aber abends, als sich herausstellte und herumsprach, wie es steht, da kommen dann natürlich andere Gedanken.
Welche?
Das mag jetzt hart klingen, aber: Ich dachte mit weniger Schrecken an den Dani – denn da wusste ich aus eigener Erfahrung, dem geht es gut, der ist im Tiefschlaf, der kriegt nichts mit. Aber ich dachte an die Sicht der Angehörigen – die wissen in diesen Stunden nicht, was los ist, die zittern und bangen! Das nahm mich sehr mit. Und ich münzte das auf meine Unfall-Situation um – man selbst kann ja immer mit etwas umgehen, aber das Umfeld?
Wie war Ihr Umfeld bei Ihrem Unfall?
Großartig. Das war mein Glück, dass mein Umfeld so gut mit meiner Situation umgehen konnte!
Haben Sie Ihren eigenen Sturz inzwischen mal auf einem Video gesehen?
Nein – kein einziges Mal. Ich habe kein Bedürfnis danach. Und so lange das nicht da ist, sehe ich keinen Grund, mir das anzutun.
Was macht Ihre Klage gegen den Skiweltverband FIS?
Da ist noch nichts Konkretes entschieden.
Hat Ihr Unfall bei der FIS etwas verändert?
Ich hoffe! Die Klage baut ja nur auf dem Aspekt auf, dass das kein zweites Mal passiert.
Was genau möchten Sie mit Ihrer Klage erreichen?
Die FIS hat – das möchte ich vorausschicken – in den letzten Jahren sehr viel gemacht, was die Sicherheit an den Strecken betrifft. Da hat es nie was gegeben, keine Beanstandung. Da gab es keine Passagen mehr, aus denen man direkt in den Wald hätte abfliegen können. Aber warum hat sich so viel getan? Weil immer so viel passiert ist!
Und in jenem Bereich, der Sie betraf – Helikop-ter-Abtransport eines verletzten Läufers – war noch nie was passiert ...
Genau. Und deshalb hatten sich keine konkreten Strukturen ergeben. Es ist mein Anliegen, dass Standards gesetzt werden, die dann überall gültig sind – nicht nur in Österreich, Deutschland, der Schweiz usw. Die FIS muss die Sache festschreiben, wie es rund um die Welt zu sein hat!
Letzte und zugleich wichtigste Frage – wie geht es Ihnen?
Rein von der körperlichen Gesundheit her sehr gut. Und auch psychisch geht es mir nach wie vor sehr gut. Ich habe ein ausgefülltes Leben, sehr interessante Aufgaben und ich kann meine persönlichen Sachen, die ich gerne mache, alle alleine machen, bin also nicht abhängig von jemand. Und ich bin heilfroh, dass das so ist ...
Der Unfall und das Heli-Drama
Matthias Lanzinger zog sich bei seinem Sturz im Super-G von Kvitfjell/Norwegen am 2. März 2008 einen mehrfachen, offenen Unterschenkelbruch mit schweren Gefäßverletzungen zu. Der Heli-kopter-Transfer nach Lillehammer und anschließend ins Ulleval-Universitäts-Klinikum in Oslo dauerte sechs Stunden. »Bei der anschließenden Operation«, so Wikipedia, »kam es zu Komplikationen, aufgrund derer Lanzinger in ein künstliches Koma versetzt werden musste. Nach einer vierten Operation (die dritte Gefäßrevision) durch den Salzburger Gefäßspezialisten Thomas Hölzenbein, welcher mittels Privatjet eingeflogen worden ist, wurde die Durchblutung wiederhergestellt, war aber nicht stabilisierbar.« Aufgrund schwerwiegender Gefäßverletzungen und der daraus resultierenden Sauerstoffunterversorgung sowie des zeitweise nicht intakten Blutkreislaufes im linken Unterschenkel musste jener zwei Tage später, am 4. März, unterhalb des Knies amputiert werden.
Der Österreichische Skiverband kritisierte, dass während des Rennens kein Ambulanzhubschrauber zur Verfügung gestanden habe, so dass erst (nochmals Wikipedia:) »…eine Sitzbank aus einem ›Touristen‹-Hubschrauber ausgebaut werden musste«, um Lanzinger transportieren zu können. Dadurch sei wertvolle Zeit verloren gegangen. Lanzinger verklagte den Skiweltverband FIS auf Schadenersatz (100.000 Euro) und Dienstentgang. Grundlage: Der deutsche Gutachter Bernd Steckmeier hatte festgestellt, dass sowohl ein Organisationsverschulden als auch ein Behandlungsfehler in Oslo die Amputation notwendig gemacht habe.



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