In meiner rheinischen Heimat Neuss sagt man, dass nach dem Schützenfest, dem größten seiner Art weltweit, das neue Jahr beginnt. Bei mir schaltet der Kopf nach dem viertägigen Event am finalen Augustwochenende auf Winter-Modus – und damit auf das neue „Ski-Jahr“.
Exoskelett: Als würdest du ein Bike mit E-Motor fahren!
2023 schafft der Anruf eines Testers des SKIMAGAZIN-Supertests es jedoch, mich schon vor dem geliebten Heimatfest in meine vorwinterliche „Schneesucht“ zu versetzen. Der Kollege erzählt mir, dass er beim letzten Supertest in Sulden die Gelegenheit hatte, Ski-Mojo auszuprobieren. „Ein sensationelles Gefühl! Es ist wie beim Radfahren – wenn du dieses Teil trägst, fühlt es sich an, als würdest du ein Bike mit Elektromotor fahren“, schwärmt er. „Ich brauche es unbedingt für meinen Vater!“ Bis zu diesem Zeitpunkt dachte ich, die „überdimensionierten Kniebandagen“ seien nur etwas für alte Leute, aber nach- dem ich mit weiteren begeisterten Testern gesprochen und der Vergleich mit E-Bikes mich neugierig gemacht hatte, war ich extrem gespannt, ich war eigentlich schon infiziert – ich musste die Geräte selbst ausprobieren.
Ähnlich, aber nicht identisch
Zur Skitestwoche Ende November in Sulden besorge ich mir von einem Freund, der seit Jahren unter extremen Knieproblemen leidet und bei seiner „Odyssee der Schmerzen“ den „Againer“ entdeckt und kurz darauf sogar die Vertretung für dieses Ski-Exoskelett übernommen hat, ein Testgerät. Da ich weiß, dass auch die Firma Ski-Mojo in Sulden mit ihren Produkten vor Ort sein würde, ist die Idee eines Vergleichstests geboren.
Also schrauben wir nach dem Frühstück erst einmal die Verbindungselemente am Skischuh fest und stellen mit der Druckpumpe die Gasfedern auf mein Gewicht ein. Danach Boots anziehen, die beiden „Againer“-Schienen mit den orangenen Hebeln nach außen anlegen und mit den Skischuhen verbinden. Schon kann es losgehen!

Exoskelette im Vergleich: Ski-Mojo vs. Againer
Eines vorweg: Die beiden Exoskelette funktionieren vom Prinzip her ähnlich, sehen aber unterschiedlich aus, das Anlegen und Einstellen läuft auch anders. Was bei beiden gleich ist: Um mit der mechanischen Bandage zu gehen, dürfen die Schienen nicht gespannt sein. Beim „Againer“ muss man dafür die orangenen Hebel nach vorne schieben. Auch im Lift sollten die Exoskelette nicht unter Druck stehen, da man ansonsten die Beine nur unter Kraftanstrengung anwinkeln kann.
Mein Freund hat mir empfohlen, die ersten Meter mit nicht gespannten Schienen zu fahren, damit ich mich an die 5,5 Kilo Gewicht gewöhne. Nach gut 100 Metern kann ich es aber nicht mehr abwarten. Durch Strecken der Beine und umlegen des Hebels nach hin- ten sind die „Stoßdämpfer“ gespannt. Doch nun ist erst einmal Vorsicht angesagt: „Wir empfehlen, es die ersten ein, zwei Abfahrten ruhig und langsam angehen zu lassen“, sagt Jean-Marc Glaude von Ski-Mojo. „Man muss sich an das Fahren mit Exoskelett gewöhnen, austesten, wie man die Kraft und die Unterstützung richtig einsetzt.“
Spannende erste Schwünge
Schnell ist die richtige Position über dem Ski gefunden, und ich spüre sofort, wie mich der „Againer“ in meinen Bewegungen entlastet. Mit jedem Schwung werde ich sicherer und stelle schon nach wenigen Metern fest, dass mir nun Kantwinkel gelingen, von denen ich vorher nur noch geträumt hatte. Ich fahre seit fast 60 Jahren Ski, gern dynamisch und schnell, doch natürlich lässt mit Mitte 60 die Kraft nach. Die Unterstützung durch das Exoskelett ist phänomenal!
An der Talstation ist mir ein Lächeln ins Gesicht gemeißelt und einige Wartende fragen, was ich denn da für komische Teile an den Beinen habe. Ich erkläre die Funktion des Exoskeletts und wecke damit direkt Interesse. Einige Skifahrer fragen gar aus reiner Neugier, ob sie ein paar Runden mit mir drehen können. Ich freue mich über neue Begleiter, wir reden im Lift. Als Anführer einer kleinen Gruppe nehme ich die Abfahrt in Angriff, doch schon bald stelle ich fest, dass ich einige meiner Mitstreiter abgehängt habe.
Am Lift höre ich, dass das Tempo schlichtweg zu hoch gewesen sei, aber sie möchten jetzt die zur Verfügung stehenden „Ski-Mojos“ selbst testen. Wir fahren zu viert weiter, drehen einige sportliche Runden, bevor wir eine Pause in der Hütte einlegen. Einer der Mitfah- rer klagt über eine hohe Herzfrequenz – seine Pulsuhr zeigt 130 bis 150 Schläge an – und meint, wir sollten das Tempo drosseln. Er ist einige Jahre jünger als ich und macht einen fitten Eindruck. Ich empfehle ihm auch, sich im Testcenter ein „Ski-Mojo“ auszuleihen, denn – das merke ich schon nach ein paar Abfahrten – die Kraftersparnis ist einfach enorm.

Ski-Enthusiasten: Nachdem Jean-Marc Glaude beim ersten Anlegen geholfen hatte (l.), ließ es Ralf mit Jan Hudec auf der Piste krachen.
Ralf KühlkampGesagt, getan. Und siehe da – bei der nächsten Pause stellt er fest, dass sein Puls im Schnitt gut 30 Schläge niedriger ist!
Easy und entspannt Vollgas!
Auch er schwärmt von der Kraftersparnis und dem großartigen Kurvenfeeling, das ihm das Exoskelett beschert. Mit unserer kleinen Gruppe schaffen wir an diesem Tag über 12.000 (!) Höhenmeter. Noch beeindruckender: Wir beide, die mit „Ski-Mojo“ und „Againer“ unterwegs waren, fühlen uns noch relativ fit, während der Rest aufgrund des stolzen Pensums doch ziemlich ausgelaugt ist. Laut wissenschaftlicher Studien nimmt die Dämpfung dir rund ein Drittel deines Körpergewichts ab, der Quadrizeps muss 35 bis 40 Prozent weni- ger Energie aufwenden. Die Folge: langsamere Ermüdung und weniger Muskelkater!
Perfekt bei Knie- und Rückenproblemen
Am nächsten Tag lasse ich mir im Testcenter die genaue Funktionsweise des „Ski-Mojo“ von Jean-Marc Glaude erklären. Er hilft beim ers- ten Anlegen, es dauert keine fünf Minuten und ist wirklich easy. Ein kleiner Vorteil: Dieses Exoskelett kann man auch dezent unter der Skihose tragen – und das machen auch einige, wie ich höre. Zudem erscheint mir das Gerät etwas leichter. Aber ich habe mich in den „Againer“ verliebt, und „Ski-Mojo“ muss mich erst noch auf der Piste überzeugen.
Bei diesem Modell wird die Spannung der Feder mechanisch eingestellt. Die Unterstützung kommt mir bei meinen ersten Fahrten nicht so direkt vor, nachdem wir die Feder um zehn Kilo nachjustiert haben, ist das Gefühl gleich. Beide Modelle entlasten sowohl das Knie und die gesamte Beinmuskulatur als auch den Rücken und ermöglichen so nicht nur Menschen, die massive Knie- und Rückenprobleme haben, die Rückkehr auf die Piste, sie bescheren auch älteren Wintersportfans, bei denen Kondition und Kraft schwinden, unvergessliche, lange Skitage.
Ich bin wirklich total baff! Ich habe mein neues (Wintersport-)Mojo gefunden.

Ralf (3. v.l.) und Jan Hudec (r.), beide mit Ski-Mojo.
privat/Ralf KühlkampÜberragendes Feedback für das Exoskelett
Wenige Tage nach meinen ersten Erfahrungen mit „Ski-Mojo“ und „Againer“ und ausschließlich zufriedenen Gesichtern anderer Tester, die mit dem Exoskelett endlich wieder schmerzfrei Ski fahren konnten und zum Teil direkt ein „Ski-Mojo“ bestellt haben, fahre ich wieder nach Südtirol. Mein Ziel: das Rifugio Carlo Valentini an der Sellaronda.
Die meisten Lifte laufen schon, und Frau Holle verwöhnt uns mit fluffigem Pulverschnee. Da ich als Guide für diese von Skibo Tours & Sports veranstaltete Reise von unserem Testleiter Thorsten Böhl gebucht bin, kann ich meine Gruppe nicht getreu dem Motto „No Friends on Powder Days“ im Stich lassen, sondern muss sie in die Schönheit des Tiefschneefahrens einweisen. Während ich mit meinem Exoskelett nach immer mehr Powder-Abfahrten lechze, saugt vielen der starke Schneefall viel Kraft aus den Schenkeln. Am Nachmittag sind von meinen acht Mitstreitern nur noch zwei übrig. Was soll ich sagen? Wir kehren erst ins Rifugio zurück, als der Mond schon aufgegangen ist!
Auch hier das gleiche Bild: Viele Mitfahrer zeigen großes Interesse und befragen mich zu meinen Erfahrungen mit dem Exoskelett.

Ralf mit dem Againer auf der Piste.
privat/Ralf KühlkampPerfekt bei Beschwerden – aber auch ohne phänomenal gut
Viele denken anfänglich, dass die auffälligen Beinschienen nur für Menschen mit Handicap konzipiert seien, und fragen nach meinen körperlichen Defiziten, zeitweise wird gar der Lift langsamer gestellt, wenn ich oben ankom- me! Ich erkläre, dass ich nur leichte, altersbedingte Knie- und Rückenbeschwerden habe und das Exoskelett jedoch eine Kraftersparnis von 40 Prozent bringen würde. Dadurch ermöglicht es einem, länger und mit mehr Leichtigkeit und weniger Schmerzen Ski zu fahren. Die Leute sehen, mit wie viel Spaß ich Abfahrt für Abfahrt in Angriff nehme – und fragen, wo man diese Geräte testen könne.
Vorsicht vor Übermut!
Beim nächsten Trip wird mir dieser Spaß aber zum Verhängnis. Die Gefahr ist groß, sich mit einem Exoskelett zu überschätzen. In meinem Lieblingsskigebiet Carezza versuche ich, auf der Talabfahrt einen befreunde- ten Skilehrer am Pistenrand zu überholen, gerate mit einem Ski in den Tiefschnee und stürze recht heftig. Mir passiert zwar nichts, aber ein Dämpfer ist hinüber. Die folgenden Tage muss ich ohne mein lieb gewonnenes Exoskelett die Gruppe durch „meine“ Dolomiten führen. Wie anstrengend das auf einmal ist, viele Kilometer abzureißen!
Ein völlig neues Skigefühl
Eine weitere Anekdote: Zum SKIMAGAZIN-Supertest in Sulden reise ich ohne „Againer“, in der Überzeugung, nur so einen objektiven Test durchführen zu können. Am letzten Tag stehen bei mir noch die Multi-Radius-Ski auf der Agenda. Eine grandiose Kategorie, schön sportlich. Nachdem ich gut die Hälfte der Modelle getestet habe, bietet mit Jean-Marc an, doch nach der Mittagspause noch mal mit „Ski-Mojo“ zu fahren. Nach drei Neuheiten habe ich das Gefühl, dass jeder Ski um Klassen besser ist als die Multi-Radius- Modelle vom Vormittag. Unglaublich ...
So lautet mein Fazit: Durch die Kraftersparnis, die ein Exoskelett bringt, ist jeder Ski leichter und präziser zu steuern. Selbstredend erhöht sich dadurch der Spaßfaktor! Die Multi-Radius-Kategorie habe ich übrigens gestrichen, da das Ergebnis durch den Einsatz von „Ski-Mojo“ nicht vergleichbar war!
Comeback auf der Piste
Zum Schluss sei noch einmal gesagt, ein Exoskelett hilft nicht nur Menschen mit Handicap wieder auf die Bretter, die die Welt bedeuten. Es verlängert auch die Zeit, in der der Mensch das großartige Erlebnis Skifahren genießen kann. „Ski-Mojo“-Markenbotschafter Jan Hudec ist ein perfektes Beispiel. Der kanadische Rennläufer mit tschechischen Wurzeln, der bei der WM 2007 in Are Silber in der Abfahrt und 2014 bei den Olympischen Spielen in Sotschi Bronze im Super-G gewonnen hat, musste seine Karriere aufgrund von zig Knie-OPs 2018 beenden. Jeder Skitag wurde schnell zur Qual – bis er „Ski-Mojo“ vorgestellt bekommen hat. Seitdem jagt er mit extremen Kantwinkeln und Highspeed über leere Pisten. Und so wie ihm ist es vielen ergangen: Dank Exoskelett können viele Schmerzgeplagte auf die Ski zurückkehren! In einer unserer nächsten Ausgaben gibt es noch ein Interview, in dem der 43-Jährige genauer über seine Erfahrungen berichten wird.
Man sieht: Ein Exoskelett, egal ob „Ski- Mojo“ oder „Againer“, verlängert die Zeit, in der man unseren Sport betreiben kann. Probiert es aus und entscheidet euch dann, welches Modell für euch das Richtige ist. Ich bin nach über einjähriger Testphase nicht nur schneesüchtig, ich bin auch Exoskelett-verliebt!
Dieser Artikel ist im SKIMAGAZIN Februar (#5/2025) erschienen.
Hier kannst du die Ausgabe nachbestellen: SKIMAGAZIN Februar (#5/2025)

Vize-Weltmeister Jan Hudec kann dank „Ski-Mojo“ wieder schmerzfrei Ski fahren – er trägt das Gerät übrigens unter der Hose.
Ski-MojoVorteile eines Exoskeletts beim Skifahren
•Mehr Kontrolle beim Skifahren.
•Besserer Kantendruck, also mehr Sicherheit.
•Geringeres Verletzungsrisiko aufgrund langsamerer Ermüdung.
•Entlastet die Gelenke und den Rücken.
•Längeres, da kraftsparendes Skifahren.
•Stoßdämpfer für die Knie.